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Arbeitslosigkeit ist nicht schlechtRevision 1 vom 7.6.2004 Arbeitslosigkeit muss etwas schlechtes sein. Jedesmal, wenn neue, höhere Arbeitslosenzahlen verkündet werden, schlagen Presse und Politik die Hände über dem Kopf zusammen. Man redet von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und von Verteilungskämpfen um die verfügbare Arbeit. Viele Leute nehmen viel auf sich, um Arbeit zu bekommen oder zu behalten. Arbeitslosigkeit muss also etwas schlechtes sein. Aber ist das wirklich so? Die SituationSeit Jahrhunderten arbeiten wir durch Fortschritte in Wissenschaft und Technik daran, unsere Ziele mit weniger Arbeit zu erreichen, oder mit dem gleichen Arbeitseinsatz mehr zu erreichen. Das ist uns auch gelungen. In früheren Zeiten arbeitete fast die gesamte Bevölkerung in der Landwirtschaft, und es verhungerten Menschen, wenn das Land nicht genug Früchte für alle abwarf. Heute genügt es, dass ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeitet, und ständig werden Ackerflächen stillgelegt. Der Rest der Bevölkerung kann sich anderen Dingen zuwenden, und es ist immer genug Nahrung für alle da. Die Menschheit arbeitet darauf hin, arbeitslos zu werden, den Traum vom Paradies auf Erden wahr zu machen. Einen großen Teil des Weges haben wir schon hinter uns. Warum leben wir dann nicht im Paradies? In unserer Gesellschaft dreht sich vieles um Geld. Wer Geld hat, kann sich im Supermarkt alles kaufen, was er zum Überleben braucht. Auch für ein Dach über dem Kopf braucht man Geld. Wer danach noch Geld übrig hat, kann sich schöne Dinge kaufen. Geld bekommt man, indem man für andere Leute arbeitet. (Nur wenige haben das Glück, von den Erträgen ihres Vermögens leben zu können.) Findet man keine Arbeit, bekommt man auch kein Geld. Man kann sich keine schönen Dinge mehr leisten, und wäre da nicht die Sozialhilfe, müsste man sogar verhungern, während anderswo Essen weggeschmissen wird. Aber woher kommt das Geld für die Sozialhilfe, für das Kindergeld, für das Arbeitslosengeld, für die Rente? Der Staat sammelt dieses Geld ein. Zum Beispiel von allen Leuten, die Geld ausgeben, durch die Umsatzsteuer. Oder von Unternehmen, mit der Gewerbesteuer. Oder von allen Leuten, die arbeiten, durch die Lohn-/Einkommensteuer, die Arbeitslosenversicherung, und die Rentenversicherung. Die Menschen, die Arbeit haben, ermöglichen also durch die Umlagen der Gemeinschaft denjenigen das Überleben, die keine Arbeit haben. Deswegen ist auch aus Sicht des Staates Arbeitslosigkeit ein Problem – je mehr Arbeitslose, desto mehr Belastung für die Arbeitenden. Der Staat und auch viele einzelne Leute versuchen also, möglichst viel Arbeit zu haben. Eigentlich ist das falsch, denn der Traum der Menschheit ist es doch, weniger arbeiten zu müssen, um Zeit für andere Dinge zu haben. Aber wie kann überhaupt eine Gesellschaft aussehen, in der man nicht arbeiten muss? Funktioniert so eine Gesellschaft? Und wer holt den Müll ab? Das ExperimentIch möchte hier ein Gedankenexperiment wagen. Stellen wir uns einmal vor, der Staat hätte genug Geld, um jedem Bürger jeden Monat so viel Geld auszuzahlen, dass man genug hat für Nahrung, Kleidung, eine Wohnung, und was sonst noch so zu einem normalen, durchschnittlichen Leben gehört. Diese Pauschale ist für jeden gleich, und jeder bekommt sie, egal ob Kind, Student, Rentner, Arbeiter oder Hausfrau. Welche Folgen hätte das? Nun, zunächst einmal müsste niemand mehr arbeiten, wenn er nicht will. Das klingt ungewohnt und ist es auch, aber es gilt bereits heute – wer nicht arbeitet, bekommt Geld vom Staat, damit er nicht verhungert und erfriert. Trotzdem arbeiten viele Leute. Manche, weil sie gerne mehr Geld haben, um sich mehr schöne Dinge leisten zu können. Manche, weil sie eben gerne arbeiten, vielleicht sogar das Hobby zum Beruf gemacht haben, wie man so sagt. Das ändert sich auch nicht, wenn jeder Geld vom Staat bekommt. Wer trotzdem arbeitet, hat eben entsprechend mehr Geld. Wer dagegen arbeitet, nur um zu überleben, und keinen Spass an seiner Arbeit hat, der ist woanders besser aufgehoben. Der schlanke StaatWenn jeder eine Kopfpauschale bekommt, kann man auf viele andere Elemente des Sozialstaats verzichten, unter anderem:
Mit diesen Elementen fällt nicht nur die entsprechende Belastung durch Steuern und Beiträge weg, sondern auch die unglaublich komplexen Regelungen und der enorme Verwaltungsaufwand in staatlichen Ämtern, in den Versicherungsanstalten, und in jeder Personalabteilung. Der Staat versucht zur Zeit auch über das Steuerrecht, Ungerechtigkeiten auszugleichen und die Gesellschaft zu steuern. Ein Teil der Regelungen zielt zum Beispiel auf Familien, deren Eltern schliesslich nicht automatisch mehr verdienen, nur weil sie Kinder haben. Andere Regelungen sollen gegen die Arbeitslosigkeit wirken, wie zum Beispiel die Pendlerpauschale und viele weitere Steuerabschreibungen für Arbeitnehmer. Und wer sich für die Gesellschaft engagiert, wird auch vom Staat belohnt. Viele dieser Regelungen wären unnötig. Familien sind durch die Kopfpauschale für die Kinder bereits besser gestellt. Und es macht keinen Sinn, Arbeit zu subventionieren, wenn sich der Staat bereits um den Lebensunterhalt der Bürger kümmert. (Übrigens sind sogar heute schon Experten der Meinung, dass einfache Steuermodelle mit geringerem Steuersatz aber ohne Abschreibungen und Ausnahmeregelungen sich für den Staat unter dem Strich lohnen, weil es weniger Schlupflöcher gibt und der Verwaltungsaufwand massiv sinkt. Beides gilt auch für dieses Experiment.) Die Einstellung zur ArbeitKommen wir zurück zu den Arbeitnehmern. Wenn man nicht darauf angewiesen ist, einen guten Job zu haben, ändert sich die Einstellung zur Arbeit deutlich. "Wenn's ihnen nicht passt, können sie ja gehen" ist kein gutes Druckmittel mehr. Dazu passend kann das momentan sehr "arbeitnehmerfreundliche" Arbeitsrecht ein Stück zurückgefahren werden. Entlassungen im grossen Stil, die durch den Fortschritt manchmal unvermeidlich sind, stellen keine Katastrophen mehr dar. Wenn eine Maschine mir meine Arbeit abnehmen kann, sollte ich doch froh sein, dass ich nicht mehr arbeiten muss, oder nicht? Überhaupt kann man hoffen, dass sich mehr Leute einen Job aussuchen (können), in dem sie glücklich sind und sich verwirklichen können. Das wirkt sich letztlich auf die Motivation und die Qualität aus. Wenn Arbeitslosigkeit nicht mehr der grosse Angstmacher ist, wird es auch einfacher, sich selbstständig zu machen. Wenn es nicht klappt, macht man den Laden eben wieder zu und überlegt sich etwas anderes. Gerade kleine Unternehmer haben nicht mehr den Druck, unbedingt genug Gewinn zu machen. Wer schon immer gerne ein Kiosk an der Ecke aufmachen wollte, einfach nur weil er gerne Kontakt zu Menschen hat, kann das tun, auch wenn das Kiosk nicht viel Geld abwirft. Auch das Ehrenamt würde durch die Kopfpauschale gestärkt. Wer arbeitslos ist, aber eine Betätigung braucht, kann sich in Vereinen und anderen gesellschaftlichen Bereichen engagieren, ohne sich Sorgen um sein Auskommen zu machen. Das ist letztendlich auch nötig, denn es wird immer mehr Arbeitslose geben, und die meisten Menschen vertragen es nicht, keine sinnvolle Tätigkeit zu haben. Hier ist es auch Aufgabe des Staates, mehr Leute zum Ehrenamt zu ermutigen, statt sich von morgends bis abends nur um den häuslichen Garten zu kümmern. Aber die wohl wichtigste gesellschaftliche Auswirkung betrifft Eltern. Heute entscheiden sich viele Paare erst spät für Kinder, unter anderem, weil ihnen die Karriere zunächst wichtiger ist, oder weil sie erst eine gewisse finanzielle Sicherheit schaffen wollen. Die Kopfpauschale gibt es für jeden, also auch für jedes Kind. Dadurch werden Familien bessergestellt. Das ist einerseits überhaupt ein Anreiz, Kinder zu bekommen, und andererseits ein Grund, nicht die Arbeit vor die Familie zu stellen. Eltern können es sich leisten, sich mehr Zeit für ihre Kinder zu nehmen, was letztlich der gesamten Gesellschaft zu Gute kommt. Die FinanzierungBei all den Vorteilen bleiben doch ein paar schwierige Fragen. Am Anfang habe ich einfach angenommen, dass der Staat genug Geld hat, um jedem Bürger eine Kopfpauschale auszuzahlen. Das ist eine Menge Geld. Der Staat könnte das Geld einfach drucken, das hat aber wahrscheinlich schlechte Folgen für die Wirtschaft. Letztendlich muss der Staat das Geld irgendwoher einnehmen. Dafür gibt es viele Möglichkeiten:
Zu diesen Geldquellen kommen noch weitere Effekte hinzu. Wenn die Bürger mehr Geld zum Ausgeben haben, fliesst auch entspechend mehr Geld in die Wirtschaft, und über die Firmen zurück an den Staat und die Bürger. (Der letzte Teil muss durch eine entsprechende Steuer- und Lohnpolitik sichergestellt werden, sonst kommt der Umsatzanstieg nur den Firmen und deren Besitzern zu Gute.) Wenn der Staat die Grundversorgung für jeden Bürger garantiert, hat der einzelne auch weniger Grund dazu, sein Geld auf die hohe Kante zu legen. Auch das kann den Konsum und damit die gesamte Wirtschaft ankurbeln. Zieht man die Bilanz für den Einzelnen, wird klar, dass es hier zu einer deutlichen Umverteilung kommt. Wer arbeitet und dafür Geld bekommt, bekommt zwar zusätzlich die Kopfpauschale, muss aber auch mit einer entsprechend stärkeren steuerlichen Belastung seines Lohnes rechnen. Gerade gut verdienende Singles müssen insgesamt mit einer höheren Belastung rechnen. Familien dagegen werden durch die mehrfache Kopfpauschale entlastet. Alles in allem muss betont werden, dass sich Arbeit nach wie vor lohnt – wer arbeitet, hat mehr Geld als wenn er nicht arbeitet. Es findet eben eine soziale Umverteilung statt, die auch heute schon Ziel und Aufgabe des Staates ist. Wichtig für die Finanzierbarkeit ist auch, dass sich der Staat effektiv an den Gewinnen der Unternehmen beteiligt. Eine Firma kann natürlich ihren Gewinn absichtlich verringern. Das bedeutet aber letztlich, dass entweder die Preise fallen, die Löhne und Dividenden steigen, oder die Firma mehr Geld ausgibt, das an andere Firmen geht. In allen Fällen ist der Effekt positiv. Entweder werden die Käufer entlastet, oder es ist dafür gesorgt, dass die Einnahmen im Umlauf bleiben und nicht in der Firma oder bei ihren Eigentümern versickern. FazitArbeitslosigkeit ist nicht schlecht. Im Gegenteil, Generationen von Menschen haben auf dieses Ziel hingearbeitet. Jetzt ist es in greifbare Nähe gerückt. Um es zu vollenden, muss unsere Gesellschaft umgebaut werden. Das geht nicht von heute auf morgen, und es geht nicht ohne Brüche und Ungerechtigkeiten. Aber die Alternative ist, den Zusammenbruch der Gesellschaft abzuwarten und dann neu aufzubauen; das schadet allen. Dennoch, der Umbau ist machbar, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Es lohnt sich! |
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| 7. Jun 2004 | Copyright © 2002-2011 Christoph Pfisterer | ||||||||||||||||||||||||||||